Florenz

"Gebt dem Rhein mehr Raum" oder: Integrierter Hochwasserschutz als europäische Aufgabe

| Briefe aus Brüssel

Während sich die Forscher noch streiten, ob der lange, kalte Winter nun ein Beweis gegen den Klimawandel ist oder doch dafür spricht, dass sich unsere Jahreszeiten ändern, scheint eines klar zu sein: Uns werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mehr Unwetter und Naturkatastrophen ins Haus stehen. Vor allem uns als "Anrheiner" betrifft dies unmittelbar - schließlich werden extreme Niederschläge, auch im Sommer, den Rhein (noch) häufiger über seine Ufer treten lassen.

Nun könnte man meinen, wir seien das gewöhnt. Alle Jahre wieder kommt schließlich das Hochwasser; eigentlich ein natürlicher Vorgang.

Denen unter uns, die ein wenig weiter vom Rhein weg wohnen, scheint das Hochwasser auch nurmehr eine "Störung": Ein paar Notstege, überschwemmte Keller, gesperrte Straßen. Doch wir sollten uns nichts vormachen, die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache!

Früher trat ein "Jahrhunderthochwasser" so selten auf, dass es seinen Nahmen verdiente, heute haben wir alle gleich mehrere "Jahrhunderthochwasser" und deren Schäden erlebt. Allein zwischen 1998 und 2004 gab es in Europa über 100 Mal "Land unter" - Tendenz steigend. Das Hochwasser forderte 700 Menschenleben und brachte eine halbe Million Menschen ihr Zuhause. Ende letzten Jahres gaben die deutschen Versicherer an, dass allein 2011 Schäden zu verzeichnen waren, die zu Zahlungen von mehr als 1,2 Milliarden Euro führten.

Und dies hat nicht nur mit dem Klima und seinen Kapriolen zu tun, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir mit dem Rhein umgehen.

Die Begradigung des Rheins und seiner Nebenflüsse und die "Zubetonierung" hat nicht nur vielen Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum, sondern vor allem auch dem Rhein selbst seinen Raum genommen. Dies bekommen wir nun immer öfter zu spüren. Rheinlaufveränderungen, wie man sie euphemistisch nennt, die Trockenlegung von Feuchtwiesen, Fließpoldern und Auen, und die Begradigung des Rheins - allein von Basel bis Worms um 72 km - all dies hat den Rhein erheblich schneller werden lassen. Wo früher noch genügend Raum war, um Hochwasser versickern zu lassen, rollt nun eine Scheitelwelle von Straßburg direkt bis in die Städte entlang des mittleren und unteren Rheins - ohne "Ausweichmöglichkeit". Hinzu kommt, dass etwa am Niederrhein durch den Bergbau große Bereiche abgesenkt wurden: Das niederrheinische Umland liegt bis zu zwölf Meter tiefer als die Rheindeiche. Und wenn dann noch der Klimawandel dazukommt, der das Hochwasser nicht nur häufiger, sondern auch stärker auftreten lässt, stehen wir "im Fall der Fälle" vor einer Situation, die ich nicht zu erklären brauche.

Was mir jedoch wichtig ist: Wir brauchen nicht Panikmache, sondern Lösungen.

Und was diese Lösungen angeht, ist ganz klar: Technischer Hochwasserschutz allein reicht nicht. Wir können uns nicht hinter Hochwasserschutzmauern und Deichen verschanzen.   Zu-dem gilt: Die Sünden, die am Oberlauf des Rheins und an seinen Zubringerflüssen begangen wurden, können wir am Niederrhein nicht wiedergutmachen. Der Rhein ist ein komplexes System von Zuläufen, sozusagen mit vielen Fingern, die zu einer Hand führen. Der Rhein, das ist nicht nur der Niederrhein - auch wenn wir das manchmal denken.

Der Hochwasserschutz muss deshalb Teil einer nachhaltigen, ökologischen Entwicklung des Rheins sein. Wir brauchen ein integriertes System, einen europäischen Hochwasserschutz, der auf einem gemeinsamen Konzept fußt. Dies ist eine europäische Aufgabe par excellence. Vor Grenzen hat der Rhein - wie andere große Flüsse auch - noch nie Halt gemacht! Sieben europäische Staaten - mit unterschiedlichen Gesetzen und Zuständigkeiten - durchfließt der Rhein. Wie will man hier Lösungen erarbeiten, wenn nicht "europäisch"? Schließlich geht es nicht nur um den Deichbau, die Unterstützung im Katastrophenfall, nicht nur um den Niederrhein. Runde Tische und Hochwasseraktionspläne sind richtig und wichtig und auch die Deichgräfen arbeiten gut. Es geht um mehr - darum, dem "Rhein mehr Raum zu geben". Dies kann niemand allein. Deshalb müssen danach streben, zusammen auf höherer Ebene für den Rhein, aber auch für andere Flüsse, nach langfristig ausgerichteten Lösungen zu suchen, die alle "Disziplinen" einbinden. Und dies geht nur "in Europa".

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