Florenz

Jahrestage sind 'was Schönes, oder: Staatsverträge und die Realität. Zum 50. Jahrestags des Élyséevertrags

| Briefe aus Brüssel

Jahrestage sind 'was Schönes. Finden Sie nicht auch? Hochzeitstage, Jubiläen - sie erinnern uns an wichtige Ereignisse und lassen uns das Alltägliche für einige Momente vergessen.

Einen Jahrestag hat auch die Politik in dieser Woche begangen: Am 22. Januar begingen wir den fünfzigsten Jahrestag der Unterzeichnung des Élyséevertrags zwischen Deutschland und Frankreich. Anlässlich dieses Feiertags gab es viele Festlichkeiten, gemeinsame Kabinettssitzungen, die Außenminister loben sich in den Feuilletons über den grünen Klee...

Sie werden sagen: Das ist alles sehr nett, aber was habe ich davon? Mich bringt das zur Frage: Was feiern wir hier eigentlich wirklich?

Wir feiern doch nicht, dass zwei Politiker im Amtssitz des Staatspräsidenten in Paris ein elfseitiges Dokument unterzeichneten. Wir feiern, dass es - auch Dank der Beharrlichkeit und des persönlichen Einsatzes zweier großer Staatsmänner - möglich war, knapp 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nach zwei Jahrhunderten voller Aggressionen, Krisen und Kriege, eine Aussöhnung zu ermöglichen. 1963 schrieben De Gaulle und Adenauer schwarz auf weiß nieder, dass man die Vergangenheit hinter sich lässt und eine gemeinsame Zukunft aufbauen will. Wir feiern einen Neuanfang. Und das ist etwas Besonderes! Das zu feiern, macht Sinn.

Noch wichtiger, als all' das, was auf dem Papier steht, ist mir aber, was der Èlyséevertrag in der Realität, in unserem täglichen Leben verändert hat: Das deutsch-französische Jugendwerk wurde geschaffen, Tausende Städtepartnerschaften und Austauschprogramme ins Leben gerufen, Sprachkurse angeboten... All' diese Initiativen haben uns einander wirklich näher gebracht. Der Èlyséevertrag ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte!

Der Vertrag hat gezeigt: Nur wer sich kennt, der kann sich vertrauen, nur wer sich versteht, kann von einander lernen. Natürlich - das zeigen die vielen TV-Sondersendungen derzeit auf amüsante Art und Weise - lieben wir uns nicht immer, und natürlich lachen wir über die Eigenheiten des einen und die Vorlieben des anderen, aber ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich? Das ist weit von allem entfernt, was vorstellbar ist.

Das ist in der Tat ein Grund zum Feiern. Und wie bei allen Feiern möchte man die gute Stimmung nicht stören.

Ich fürchte jedoch, dass es in Bezug auf den Èlyséevertrag ein wenig so ist wie bei anderen Jubiläen: Man feiert nach vielen Jahren nicht mehr ganz so ausgelassen wie am Anfang. Ich befürchte, wir nehmen das gute Verhältnis zum Nachbarn als mittlerweile selbstverständlich hin. Deshalb sollte dieses Jubiläum, diese "Goldhochzeit", uns auch Anlass sein, der deutsch-französischen Freundschaft "neues Leben" einzuhauchen.

Und dafür müssen wir alle aktiv werden.

Vielleicht könnte das einer Ihrer guten Vorsätze für's neue Jahr sein? Es gibt so viele Möglichkeiten... Gibt es bei Ihnen im Ort auch ein Partnerschaftskommittee? Dann werden Sie dort aktiv! Wird Ihrem Kind die Möglichkeit geboten, an einem Schüleraustausch teilzunehmen? Dann geben Sie ihm die Möglichkeit! Bietet die VHS nicht neue Sprachkurse an? Belegen Sie sie!

Austausch ist sehr wichtig - wer nur "im eigenen Saft schmort", wird kaum gute Ideen haben.

Deshalb appelliere ich auch an meine Kollegen: In der Vergangenheit ging allzu oft um das, was uns trennt, um politische Strategien. Wir sollten einander wieder mehr zuhören, voneinander lernen und miteinander überlegen, welchen Kurs Europa in der Zukunft einschlagen sollte. Wenn Deutschland und Frankreich einig sind, können wir viel bewegen. Das ist eine große Chance - für Deutschland, für Frankreich und für Europa!

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