Florenz

Womit Herr Cameron Recht hat, oder: Was hat die Jugend eigentlich von Europa?

| Briefe aus Brüssel

Sie haben es sicher mitverfolgt: Nachdem Finanzmärkte und Euro-Krise ein Stück weit in den Hintergrund zu rücken schienen, schaffte es die EU in den letzten Tagen aus anderem Anlass in die Schlagzeilen. Auslöser dieses Mal: Die Europarede" von David Cameron.

Gibt man die Worte "Cameron" und "EU-Austritt" derzeit in eine Suchmaschine im Internet ein, kommt man auf rund eine Viertelmillion Ergebnisse und auf fast jeder Titelseite wird - auch knapp zwei Wochen "danach" - noch immer trefflich darüber gestritten, ob Großbritannien aus der EU austreten sollte, ob die EU dies überleben würde, weshalb die Briten "bleiben" sollten und - ganz generell - ob, oder positiver ausgedrückt, warum die EU "Sinn macht"...

Auch wenn ich die Art und Weise, wie Herr Cameron das Thema angegangen ist, sein "Rosinenpicken", die Kritik ohne Verbesserungsvorschläge und das Abgleiten ins Populistische, nicht schätze, so hat er doch gewissermaßen einen Nerv getroffen; er hat nämlich die Frage "Was bringt uns die EU?" aufgebracht. Dieses Thema ist hochaktuell - und die Debatte mehr als überfällig.

So sprach mich vorige Woche nach einer Rede, während der ich auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU nochmals ansprach, eine Dame an: "Sagen Sie mal, was haben junge Leute eigentlich von der EU? Diese Sache mit Frieden und Freiheit, das lockt doch heute keinen mehr hinter'm Ofen vor, das können wir doch jungen Menschen nicht mehr vorsetzen...."

Sie werden verstehen, dass ich - als jemand, dessen Eltern durch die Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg stark geprägt waren, der den Vietnamkrieg während eines USA-Aufenthalts miterlebte und der noch lebhaft den "Kalten Krieg" in Erinnerung hat - mehr als 60 Jahre Frieden und Freiheit in Europa hoch schätze. Wie heißt es doch: Unruhe stiften kann man allein, Frieden halten nur gemeinsam. Ich erachte dies nach wie vor als wichtigste Errungenschaft der EU. Zum Glück haben unsere Kinder, oder vielmehr die Jugend allgemein jedoch keine Erinnerungen mehr an Krieg und Teilung.

Da ist es nur verständlich, dass "Frieden und Freiheit" eher abstrakte Begriffe bleiben, ich sehe das an meinen eigenen Kindern.

Hier entsteht allerdings ein Problem, denn: Was abstrakt ist, das ist einem nicht nah, das schätzt man nicht. Und was man nicht schätzt, das will man nicht bewahren, für das wird man nicht kämpfen. Gerade dies ist heute jedoch wichtiger denn je. Die EU, das darf keine Selbstverständlichkeit sein, keine Entscheidung, die irgendwann einmal irgendjemand für uns getroffen hat. Die EU, das muss unser gemeinsames Projekt sein, das muss unsere tiefe Überzeugung sein. Nur so können wir weiterkommen und die Zukunft gestalten - gemeinsam und aus Überzeugung.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen vor dieser Debatte keine Angst zu haben. Die Vorteile Europas liegen klar auf der Hand, und zwar für jedermann... Die EU "macht Sinn" - auch und gerade für junge Menschen.

Ein Europa ohne die EU, wo wären wir da? Mal eben einkaufen in Nijmegen, ohne Umtausch von Geld, ohne Beachten eventueller Zollgrenzen: Ohne EU unmöglich! Mit dem Regionalexpress nach Venlo, mit einem deutschen Ticket, ohne Passkontrolle: Nicht möglich! Ein Studiensemester in Spanien, England oder Italien, bei voller Anrechnung der Seminarleistungen? Ohne EU undenkbar! Anerkennung von Berufs-Abschlüssen und leben überall in Europa: Ohne EU höchstens im Einzelfall möglich und dann auch nur nach einem Kampf durch alle juristischen Instanzen. Und auch die Unterstützung von Unternehmen bei Wirtschaftskrisen und die harmonisierte, strategische Bekämpfung von Jobverlusten, wie derzeit unternommen, das alles wäre ohne EU kaum möglich.

Überhaupt: Der Globalisierung, der vielleicht größten Herausforderung für die Zukunft, können wir allein in Deutschland nicht entgegenstehen - hier ist Europa nötig, auch zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Wohlstand. Gleiches gilt für globale Herausforderungen wie den Klimawandel oder die wachsende Weltbevölkerung. Hier müssen wir zusammenstehen, allein würden wir untergehen...

Sie sehen, die EU ist nicht nur sinnvoll, sie wird in Zukunft unerlässlich sein. Allerdings: Die Information darüber, oder vielmehr das Bewusstsein, ist aber leider kaum vorhanden. Und genau hier hat Cameron Recht: Wir müssen mehr darüber reden, warum wir in der EU sind und was wir uns von ihr erwarten. Wir brauchen eine Debatte - und die Beteiligung aller. 

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